Kerstin Gier

Jahrgang 1966, schreibt erfolgreich humorvolle Frauenbücher. Titel wie „Die Mütter-Mafia“ oder „Für jede Lösung ein Problem“ (Lübbe Verlag) waren monatelang auf allen Bestsellerlisten. „Männer und andere Katastrophen“ wurde mit Heike Makatsch in der Hauptrolle verfilmt. 2005 erhielt Kerstin Gier den DeLiA-Literaturpreis für Liebesromane deutschsprachiger Autorinnen.

Interview

Frau Gier, mit Rubinrot – Liebe geht durch alle Zeiten haben Sie auf Anhieb einen Bestseller geschaffen. Unsere Leser interessieren sich brennend dafür, wer genau hinter der Autorin steckt. Mögen Sie ein bisschen über sich erzählen?

Ich gebe es nur ungern zu, aber ich habe ziemliche Ähnlichkeit mit Gwendolyns Großtante Maddy. Ich vergesse auch ständig Lockenwickler in meinen Haaren, habe seltsame Visionen – sehr praktisch, da lassen sich prima Geschichten daraus machen – und bin schrecklich neugierig. Außerdem habe ich ein Faible für Zitronenbonbons. (Und alle möglichen anderen Süßigkeiten)
Der einzige Unterschied zwischen mir und Großtante Maddy ist, dass ich ein bisschen jünger bin und im Gegensatz zu Großtante Maddy meine große Liebe gefunden und geheiratet habe. Mit meinem Mann und meinem kleinen Sohn – neun Jahre – und einer uralten schwarzen Katze wohne ich in einem kleinen Dorf im Bergischen Land.

Zahllose Leserinnen und Leser kennen und lieben Ihre Romane für Erwachsene – jetzt haben Sie Ihren ersten Jugendroman geschrieben – den ersten Teil einer Trilogie. Wie kam es dazu?

Ich lese selber sehr gern Fantasy- und Jugendromane, deshalb spukte mir die Idee, auch mal was für Jugendliche zu schreiben, schon lange im Kopf herum. Es sollte eine Geschichte sein, die ich mit vierzehn gern gelesen hätte, aber auch heute noch gut finden würde. Ab und zu muss man eben mal etwas Neues ausprobieren.

Wie sieht der Ort aus, an dem Sie die Abenteuer von Gwendolyn und Gideon erfunden und niedergeschrieben haben?

Es ist ein Arbeitszimmer unter dem Dach mit einer Gaube, den Schreibtisch hat mein Mann selber gebaut, und es gibt viele Fotos an den Wänden. Außerdem lauter kluge Sprüche, die ich mit Edding an die Wand geschrieben habe. „A pencil and a dream can take you anywhere“ (J.A. Myers) ist gerade einer meiner liebsten. Während ich schreibe, liegt meine Katze immer neben mir. Manchmal liegt sie auch auf der Tastatur. Das sieht dann so aus: Frcxdfnvghglijtruz

Rubinrot spielt im London der Gegenwart und der Vergangenheit. Wie waren Ihre Recherchen zu diesem Roman? Das stelle ich mir ja recht aufwändig vor.

Ja, das war es auch. Das Wichtigste von allen – und das, was man meisten Spaß gemacht hat – war eine Reise nach London. Meine Agentin ist netterweise mitgekommen, und wir sind tagelang durch die Stadt gewandert, haben die Atmosphäre in uns aufgesaugt und alle Schauplätze des Romans begutachtet. London ist eine so großartige Stadt mit beeindruckender Geschichte. Und gerade für diese Story und das Thema Zeit hätten wir uns keine bessere aussuchen können. Abgesehen davon mag ich die roten Doppeldeckerbusse, die wunderbaren Kaufhäuser, die Museen (alle umsonst!) und die Leute, die immer so freundlich „May I help you, darling?“ fragen.
Alles andere habe ich mir über Bücher angeeignet. Bücher über London, Bücher über den Grafen von St. Germain, Bücher über das achtzehnte Jahrhundert, sogar Bücher über Quantenphysik (okay, EIN Buch über Quantenphysik, aber das hat mir auch gereicht.) Für Band zwei – „Saphirblau“ – lese ich gerade viel über Shakespeare und das elisabethanische England.

Bisher haben Sie immer realistische Geschichten geschrieben – in „Rubinrot“ verwendet Sie das erste Mal phantastische Elemente. Hat das beim Schreiben einen Unterschied für Sie gemacht?

Wasserspeier, die vom Dach hüpfen und einen aufdringlich verfolgen, Geister, die nicht wahrhaben wollen, dass sie schon ein paar Jahrhunderte tot sind, bereiten mir keine Schwierigkeiten. Schwieriger ist das mit der Zeitreise, denn ich finde es sehr wichtig, dass ein Buch – egal mit wie vielen Fantasy-Elementen – in sich logisch aufgebaut ist. Und bei Zeitreiseromanen ist das wirklich nicht einfach. Die Gehirnzellen beginnen, miteinander zu verschmelzen, je mehr man darüber nachdenkt, und am Ende qualmt man aus den Ohren. (Deshalb das Buch über Quantenphysik. Hat mich aber nur noch mehr verwirrt.)

Ob Geist James oder Hauptfigur Gwendolyn – Rubinrot wimmelt nur so vor liebenswerten Figuren! Welchen Charakter mögen Sie am liebsten?

Fragen Sie mal eine Mutter von fünf Kindern, welches davon sie am liebsten hat. Sie wird garantiert sagen: „Ich liebe alle genau gleich!“ Und damit meint sie auch die missratenen … Vielleicht wird sie Ihnen hinter vorgehaltener Hand sogar anvertrauen, dass sie die missratenen Kinder sogar noch ein kleines bisschen lieber mag … So geht mir das mit meinen Romanfiguren auch. Ich liebe sie alle. Und deshalb werde ich auch um jeden weinen, der stirbt (Jawohl. Ich bin fest entschlossen, jemanden sterben zu lassen. Möglicherweise auch zwei oder drei. Oder vier. Es wird auf jeden Fall spannend.)

Wie geht es weiter mit Gwendolyn und Gideon? Verraten Sie uns schon ein bisschen etwas über Band 2 „Saphirblau“ und Band 3 „Smaragdgrün“?

Das Problem zwischen den beiden ist, dass sie schnell merken, dass sie einander nicht trauen können. Gewisse Personen versuchen nämlich alles, um sie auseinander zu bringen. Und dann gibt es da noch Gideons „kleinen“ Bruder … 

In welche Zeit würden Sie gerne einmal zurückreisen?

Ich bin ja ein echter Angsthase. Besonders weit würde ich mich nicht zurücktrauen. Und auf keinen Fall besonders lang. Schon die Vorstellung, keine automatische Toilettenspülung zur Verfügung zu haben, gruselt mich ehrlich. Im England zur Regency-Zeit stelle ich es mir aber trotz Plumpsklo irgendwie besonders romantisch vor. Wie in einer Jane-Austen-Verfilmung. Und wenn ich für eine Zeitreise von Madame Rossini eingekleidet werden würde, dann ließe ich mich auch zu gern mal ins siebzehnte oder achtzehnte Jahrhundert zurückschicken - vielleicht auch ohne Perücke.

Liebe Frau Gier, vielen Dank fürs Interview.